Synodalität praktisch lernen – ein Forschungsprojekt zwischen Kirche und Gesellschaft
Synodalität – eines der großen Leitworte kirchlicher Gegenwart. Doch wie wird aus einem theologischen Anspruch eigentlich eine gelebte Praxis? Dieser Frage widmet sich das pastoraltheologische Forschungsprojekt „Making synodality work“. Das Projekt untersucht Synodalität als Lernprozess. Ziel ist es, zu verstehen, wie kirchliche Akteur*innen gemeinsam lernen, zu hören, zu beraten, zu entscheiden und Verantwortung zu teilen. Im Fokus stehen konkrete Lernorte innerhalb und außerhalb der Kirche. Luisa Eisele ist Referentin des Projekts und gibt uns einen Einblick in ihre Forschungspraxis.

Mit der von Papst Franziskus initiierten Weltsynode „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“ ist Synodalität nicht nur zum Gegenstand theologischer Reflexion, sondern auch zum Anstoß eines weltkirchlichen Transformationsprozesses geworden. Gleichzeitig kann man in der Praxis beobachten, dass Synodalität sehr unterschiedlich verstanden wird. Für die einen ist sie vor allem ein geistlicher Stil und mit der Methode des „Gesprächs im Geist“ verbunden. Für andere geht es um neue Strukturen, um Mitentscheidung (je nachdem im Konsens, Konsent oder Mehrheitsentscheid) und Machtkontrolle. Wieder andere verbinden Synodalität vor allem mit veränderter Kultur kirchlicher Leitung. Diese Vielfalt an Synodalitätsverständnissen war auch auf dem deutschen Synodalen Weg ab 2019 beobachtbar.[1]
Nach den Synodenversammlungen 2023 und 2024 in Rom steht die Weltkirche nun in einer bis 2028 angelegten Phase der Umsetzung und Evaluation. Damit verschiebt sich die Frage: Nicht mehr allein, was Synodalität bedeutet, ist entscheidend, sondern auch, wie sie in unterschiedlichen kirchlichen Kontexten eingeübt, institutionalisiert und weiterentwickelt wird.
Genau hier setzt mein Forschungsprojekt an. Ich untersuche Synodalität nicht primär als ekklesiologisches Leitbild, sondern als praktischen Lernprozess: als Veränderung konkreter Praktiken des Hörens, Beratens, Entscheidens und Verantwortens. Im Zentrum stehen die Fragen, wie synodale Praxis an konkreten Lernorten entsteht, welche Bedingungen sie ermöglichen, wo sie blockiert wird und wie sie sich über Zeit stabilisieren kann. Und insbesondere: Wie lernen kirchliche Akteur*innen, synodal zu handeln?
Synodalität als Lernprozess
Das Projekt setzt bei der Annahme an, dass Synodalität nicht einfach durch neue Gremien, Methoden oder Dokumente entsteht. Sie muss gelernt werden. Damit ist mehr gemeint als der Erwerb einzelner Kompetenzen. Synodales Lernen betrifft die Art, wie kirchliche Akteur*innen miteinander sprechen, Konflikte bearbeiten, Verantwortung teilen und Entscheidungen miteinander aushandeln oder treffen und dann von den Prozessen und Ergebnissen lernen.
Synodalität wird dort konkret, wo sich eingeübte Praktiken verändern: wenn Beteiligung nicht nur symbolisch bleibt, wenn Leitung rechenschaftsfähig wird, wenn unterschiedliche Perspektiven nicht vorschnell harmonisiert werden und wenn Erfahrungen aus Prozessen tatsächlich in veränderte Routinen oder Strukturen eingehen. Mein Forschungsprojekt fragt deshalb nicht nur nach synodalen Idealen, sondern nach den Bedingungen, unter denen synodale Praktiken tatsächlich umgesetzt werden.
Warum der Blick auf die Praxis?
Der Fokus auf die Praxis ist zentral, weil sich Synodalität nicht allein an ihrem Anspruch messen lässt. Viele kirchliche Prozesse verwenden inzwischen synodale Sprache: Zuhören, Beteiligung, gemeinsames Unterscheiden, Verantwortung. Entscheidend ist aber, was in konkreten Situationen geschieht: Wer spricht? Wer wird gehört? Welche Perspektiven bleiben außen vor? Wie wird mit Dissens umgegangen? Was passiert mit den Ergebnissen von Beteiligungsprozessen? Und wie transparent ist der Übergang von Beratung zu Entscheidung und der Umsetzung?
Solche Fragen zeigen, ob Synodalität nur als Leitwort verwendet wird oder ob sie kirchliches Zusammenleben und Arbeiten tatsächlich verändert. Deshalb richtet sich mein Blick auf konkrete Lernorte: diözesane Prozesse, pastorale Innovationsprojekte, Beteiligungsformate, Gremien, Initiativen oder Gemeinschaften, in denen Synodalität erprobt wird.
Die analytische Perspektive
Um diese Praxis differenziert beschreiben zu können, arbeite ich mit vier Dimensionen: Kultur, Struktur, Prozess und Ereignis.
Kultur fragt nach Kompetenzen und Haltungen: Wie wird mit Kritik und Konflikten umgegangen? Wie wird Autorität verstanden? Welche Stimmen gelten als relevant?
Struktur fragt nach institutionellen Formen: Welche Rollen, Gremien, Zuständigkeiten und Entscheidungswege ermöglichen oder begrenzen Beteiligung?
Prozess fragt nach dem (Lern-)Weg: Wie entwickeln sich Hören, Beraten, Unterscheiden, Entscheiden und Reflektieren über mehrere Schritte hinweg? Wie wird im Laufe der Zeit gelernt und angepasst?
Ereignis fragt nach Verdichtungsmomenten: Wo wird etwas sichtbar, bricht auf oder verändert sich?
Lernen zwischen Kirche und Gesellschaft
Das Projekt blickt in einem weiteren Schritt nicht nur auf kirchliche Kontexte. Es bezieht auch gesellschaftliche Lernorte ein: etwa zivilgesellschaftliche Initiativen, Bürger*innenräte, gemeinwohlorientierte Organisationen, Schulentwicklung, Genossenschaften oder andere partizipative Kontexte.
Dabei geht es nicht darum, außerkirchliche Modelle einfach auf die Kirche zu übertragen. Dennoch können gesellschaftliche Lernorte zeigen, wie andere mit ähnlichen Herausforderungen umgehen: Beteiligung verbindlich zu gestalten, Konflikte zu bearbeiten, Verantwortung zu teilen, Entscheidungsprozesse zu reflektieren und Organisationen lernfähig zu halten.
Mich interessiert hier ein wechselseitiges Lernen: Was kann Kirche von gesellschaftlichen Praktiken der Beteiligung und Transformation lernen? Und welche eigenen Ressourcen bringt sie in diesen Dialog ein — etwa gemeinschaftliche Unterscheidung und die Frage nach geteiltem Sinn und Verantwortung?
Relevanz des Projekts
Für die Kirche ist das Thema relevant, weil Synodalität nur dann glaubwürdig wird, wenn sie das konkrete Zusammenleben und Zusammenarbeiten verändert. Sie betrifft nicht nur große Synoden oder Reformprozesse, sondern auch den Alltag in Pfarreien, Ordinariaten, Verbänden, Teams und Gremien.
Für die Gesellschaft ist das Thema relevant, weil auch sie vor ähnlichen Fragen steht: Wie kann gemeinsames Handeln unter Bedingungen von Pluralität, Vertrauensverlust und institutioneller Erschöpfung gelingen? Wie können Beteiligung und Entscheidungsfähigkeit verbunden werden? Wie lassen sich Verantwortung, Konflikt und Orientierung gemeinsam gestalten?
Synodalität ist deshalb nicht nur ein kirchliches Reformthema. Sie ist auch anschlussfähig für die breitere Frage, wie Institutionen heute lernfähig bleiben können und die Zivilgesellschaft miteinbezogen werden kann, gerade auch bei schwierigen Themen.
Beitrag des Forschungsprojekts
Das Projekt möchte Synodalität empirisch genauer und theoretisch differenzierter verstehen. Es fragt nicht nur, was Synodalität bedeutet, sondern wie sie gelernt wird.
Dazu verbindet es praktisch-theologische, empirische und organisationswissenschaftliche Perspektiven. Praktisch-theologisch fragt es nach der gelebten Gestalt von synodaler Kirche. Empirisch richtet es den Blick auf konkrete Lernorte und Prozesse. Organisationswissenschaftlich interessiert es sich für Kulturen, Strukturen, Routinen und Lernmechanismen, die Veränderung ermöglichen oder blockieren.
Ziel ist nicht, ein fertiges Modell synodaler Kirche zu liefern, sondern vielmehr besser zu verstehen, unter welchen Bedingungen Synodalität zur gelungenen Praxis wird und wie synodales Lernen auch in Zukunft gefördert werden kann.
[1] Vgl. dazu auch https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-VI/SV-VI_00-TOP_3_Evaluationsbericht.pdf [zuletzt abgerufen am 31.05.2026].

Luisa Eisele
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