Mein Thema und Ich – Lisa Baumeister
Mit welchen Darstellungen und Narrativen fordert die AfD eine restriktive Migrationspolitik? Welche unterschwelligen Überzeugungen und Weltdeutungen liegen diesen zugrunde? Und warum spielt bei all dem Geschlecht und Sexualität eigentlich eine so große Rolle? Lisa Baumeister stellte sich diesen Fragen und forschte für ihre Magisterarbeit zu antimuslimischem Rassismus und geschlechtlichen Codierungen in der politischen Kommunikation der AfD. Uns hat sie erzählt, wie der Schreibprozess ablief, was sie überrascht hat und warum ihre Ergebnisse dem Verstehen politischer Entwicklungen helfen.

- Wie hat das Thema dich gefunden?
Ich hatte zunächst nach einem Thema für meine Bachelorarbeit in Islamwissenschaft gesucht. Angesichts der Veränderungen in gesellschaftlichen und politischen Diskursen plante ich mich in der Arbeit mit antimuslimischem Rassismus auseinandersetzen, um mehr über die damit verbundenen Strukturen zu lernen. Ich wollte mich eingehend mit den antimuslimischen Darstellungen und Narrativen beschäftigen, sodass ich beschloss, das Thema in einem größeren Umfang stattdessen als Magisterarbeit im Fach Religionswissenschaft zu bearbeiten. Zunächst hatte ich überlegt, Wahlplakate migrationskritischer europäischer Parteien als Analysematerial heranzuziehen. Ich grenzte den Analyseumfang auf die AfD einu nd untersuchte schließlich doch Instagram-Posts, weil sie eine höhere Aktualität haben und soziale Medien eine zentrale Rolle in der politischen Kommunikation der AfD einnehmen.
- Was findest du daran so faszinierend?
Ich habe mit der dokumentarischen Methode von Ralf Bohnsack gearbeitet, bei der man Schritt für Schritt das Material erschließt und nacheinander den eigenen Fokus auf verschiedene Aspekte richtet. Durch das genaue Hinsehen werden Details sichtbar, die man auf den ersten Blick oft nicht bewusst wahrnimmt, die aber dennoch ihre Wirkung entfalten. Die AfD verwendet sehr häufig KI-generierte Bilder in ihren Instagram-Posts und setzt Licht und Farben, Perspektiven sowie Positionierungen von Gegenständen und Personen sehr bewusst ein, um Narrative zu erzählen.
- In welchem Fach konntest du mit dem Thema andocken?
Die Arbeit habe ich im Fach Religionswissenschaft verfasst, da ich mich damit auseinandergesetzt habe, wie Muslim*innen und Personen, die als solche gelesen werden, von antimuslimischem Rassismus betroffen sind. Die verwendete Methode hat ihren Ursprung im Fach Soziologie, das gewählte Thema beschäftigt aber auch Politikwissenschaften und Gender Studies. Außerdem konnte ich insbesondere bei der historischen Einordnung auf Wissen zurückgreifen, das ich mir in meinem Islamwissenschaftsstudium angeeignet habe. Die Auseinandersetzung mit Orientalismus ist in diesem Fach ein sehr zentraler Studieninhalt und war auch für meine Arbeit grundlegend.
- Welche wertvollen Entdeckungen hast du beim Schreiben gemacht?
Zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus bei Migrationsnarrativen der AfD wurde deutlich, dass die Erzählungen visuell und narrativ fast ausschließlich geschlechtlich codiert sind. Als das tätige Subjekt der befürchteten Bedrohung versteht die AfD „den“ muslimischen, vorgeblich sexuell aufdringlichen und reaktionären Mann. Als Opfer der Bedrohung durch den männlichen Islam wird erstens „die“ deutsche Frau in ihrer sexuellen Selbstbestimmung und Gleichstellung inszeniert, ebenso wie „die“ muslimische Frau, bei der die AfD aber noch stärker eine Unterdrückung ihrer Person diagnostiziert. Die AfD unterscheidet grundsätzlich zwischen deutschen und muslimischen Frauen entsprechend der ihnen von der Partei zugeschriebenen Herkunft, suggeriert in visuellen Darstellungen aber auch eine befürchtete Gefahr, deutsche Mädchen könnten zum Islam übertreten. Eine dritte als durch einen gewaltbereiten Islam bedroht dargestellte Gruppe sind homosexuelle Personen. Zuletzt sieht die AfD auch „die“ deutsche Kleinfamilie und die mit ihr verbundene Geschlechterordnung in Gefahr, da Menschen mit Migrationsgeschichte eine finanzielle Belastung darstellen würden und der deutschen Familie folglich nicht der finanzielle Freiraum zur Verfügung stünde, eine Rollenaufteilung zwischen versorgendem Vater und umsorgender Mutter zu realisieren. Auch hier ist zu betonen, dass klar zwischen migriert[1] (= nicht-deutsch) und deutsch unterschieden wird.
- Was hat Dir geholfen, durchzuhalten und mit der Arbeit fertigzuwerden?
Eine Hürde bei der Magisterarbeit lag darin, von der ausführlichen Vorbereitung und dem Exzerpieren ins Schreiben zu kommen. Die Schreibwerkstatt von Christoph Koller hat mir dabei sehr geholfen, weil wir Teilnehmende uns immer wieder gegenseitig Deadlines gesetzt haben, bis wann wir welches Kapitel fertig haben und dieses in die Schreibwerkstatt zum gemeinsamen Ansehen mitbringen wollen. Der Schreibprozess war dann sehr motivierend, weil ich durch die ausführliche Vorbereitung gut vorangekommen bin. Durch den klaren Schreibplan, den ich mir gesetzt habe, konnte ich die Analysekapitel Schritt für Schritt abarbeiten, obwohl das Hineindenken in die rassistischen Denkmuster und Sinnstrukturen der AfD über lange Arbeitstage hinweg auch herausfordernd war.
- Was wird die Leser*innen vermutlich überraschen?
Dass die AfD sich gleichzeitig für die Gleichstellung von Mann und Frau sowie den Schutz Homosexueller und für den Erhalt traditioneller Geschlechterrollen stark mache, wird oft als paradox empfunden. Gerade die Wahl der lesbischen Alice Weidel, die mit einer Frau mit Migrationsgeschichte liiert ist, zur Co-Vorsitzenden und Kanzlerkandidatin der AfD wird dabei als widersprüchlich wahrgenommen. Es gibt aber mehrere Gründe, warum das auf einen zweiten Blick gar nicht mehr so paradox ist. Die AfD und ihre Wählerschaft sind nicht homogen. Die Partei begeistert Wähler*innen vor allem durch ihre ablehnende Haltung gegenüber Migration. Bei anderen Themen werden die politischen Positionierungen jedoch häufig ambivalent gehalten, um keine der vielfältigen Wähler*innengruppen zu verlieren. Als Führungspersonen in der Partei werden deshalb auch Politiker*innen eingesetzt, mit denen sich verschiedene Menschen identifizieren können und sich durch sie in ihren Interessen von der Partei gesehen fühlen, auch wenn Aussagen anderer Parteimitglieder dem entgegenstehen. Die Erzählung, dass Gleichstellungsrechte durch muslimische Migration in Gefahr seien, ist allerdings nicht nur für diejenigen Menschen anschlussfähig, denen Gleichberechtigung für Frauen und homosexuelle Menschen am Herzen liegt, sondern auch für Personen, die traditionellere Geschlechterbilder vertreten. Denn indem die Bedrohung für Gleichstellung auf das „von außen Kommende“ projiziert wird, entledigt man sich seiner eigenen Mitschuld an benachteiligenden Strukturen und kann entsprechende Forderungen von sich weglenken. Indem man sich selbst als der vorgeblich aufgeklärte, fortschrittliche, Gleichstellungsprozesse abgeschlossene „Westen“ darstellt, werden Grenzmarkierungen zum rückständigen, traditionellen Anderen vollzogen. Angesichts dieses „Anderen“ vergewissert man sich seiner eigenen vorgeblichen Überlegenheit.
- Wo könnten Deine Erkenntnisse weiterhelfen – und was würde sich damit ändern?
Die Arbeit zeigt, wie antimuslimische Narrative in der politischen Kommunikation der AfD geschlechtlich codiert sind und welche Auswirkungen dies auf den politischen Diskurs hat. Durch die moralische Abwertung des „Anderen“ und die gleichzeitige „eigene“ Aufwertung können strukturelle, gesellschaftliche Missstände verdeckt und Bestrebungen nach Gleichstellung auf diese Weise delegitimiert werden. Zudem wird dadurch antimuslimischer Rassismus befördert. Die Arbeit macht deutlich, dass ein Kampf um Gleichstellung, der sich nur für weiße Menschen einsetzt, nicht zu Gleichberechtigung für alle führt, sondern Ausschlüsse und Diskriminierungen wie Rassismus reproduzieren bzw. verstärken kann und manchen Menschen, hier z. B. muslimischen Frauen, potenziell mehr schadet als hilft. Feminismus und der Einsatz für queere Rechte müssen daher immer intersektional[2] sein. Das heißt in diesem Fall, dass die Bestrebungen nach Gleichstellung nicht nur für weiße Personen gedacht werden sollen, sondern die vielfältigen Lebensrealitäten aller betreffenden Personen berücksichtigt werden müssen, um die „Gleichberechtigung“ für Einzelne nicht auf Kosten anderer Menschen aufzubauen
[1] Zahlreiche Posts zeigen, dass zwischen Migration und Islam nicht unterschieden wird und somit bei Aussagen über Migration gleichzeitig auch Aussagen über den Islam getroffen werden.
[2] Intersektionalität beschreibt, dass mehrere Diskriminierungsformen in einer Person auftreten können und dass durch diese Verschränkung andere Erfahrungen der Benachteiligung gemacht werden, was bei Gleichstellungsbestrebungen reflektiert werden muss.

Lisa Baumeister
Lisa Baumeister hat in Freiburg katholische Theologie und Islamwissenschaft studiert und arbeitet nun als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Dogmatik in Salzburg.
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