Kirche durchforstet – Warum die Kirche ihre Wälder konsequenter schützen muss.
150.000 Hektar Wald besitzen die katholische und evangelische Kirche in Deutschland zusammen. Ihr historisches Erbe stellt die Kirche allerdings vor immer größere Herausforderungen, denn der Klimawandel setzt den Wäldern massiv zu. Im Hinblick auf den Schöpfungsauftrag wäre ein starkes Engagement für den sozialökologischen Erhalt und Umbau der Wälder zu erwarten. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft bislang eine deutliche Lücke.
Ein Kommentar von Leonie Herlan.

Ein jahrhundertealtes Erbe
Im Besitz ihrer Waldflächen ist die Kirche bereits seit dem Mittelalter. Neu entstehenden Pfarreien wurden damals sogenannte Pfarrpfründen gestiftet – land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen, die den Lebensunterhalt der Pfarrer sichern sollten. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts bekamen Pfarrer kein festes Gehalt ausbezahlt; stattdessen lebten sie von den Erträgen ihrer Flächen. Zwar verlor die Kirche im Zuge der Säkularisation einen Großteil ihres Grundbesitzes, einige der Waldflächen blieben jedoch in ihrer Hand. Die Pfarrpfründestiftung der Erzdiözese Freiburg bewirtschaftet heute noch 3.000 Hektar Wald. Die Erträge aus der Forstwirtschaft fließen in die Haushaltskasse der Erzdiözese und finanzieren zum Beispiel das Besoldungsgehalt der Priester mit [1]. Kirchwald dient somit seit dem Mittelalter als Versorgungs- und Einkommensquelle. Doch die wirtschaftliche Nutzung des Forstes wird sich vor dem Hintergrund des Klimawandels verändern müssen.
Der Wald steht unter Druck: Trockenstress, Borkenkäfer, Fichtensterben
Der Klimawandel verändert die Wälder Deutschlands bereits sichtbar. Sinkende Sommerniederschläge sowie längere und extremere Hitzeperioden schwächen die heimischen Baumarten wie Buche, Eiche, Kiefer und Fichte. Letztere ist in der Forstwirtschaft aufgrund ihres schnellen Holzwachstums sehr beliebt. Die Folgen: Trockenstress und Kronenverlichtung [2]. Geschwächte Bäume werden anfälliger für Krankheiten und Schädlinge, vor allem der Borkenkäfer profitiert von den warmen und trockenen Bedingungen und verursacht großflächige Waldschäden. Um die Hitzeresilienz der Wälder zu stärken, muss dringend umgebaut werden. Doch Waldumbau braucht Zeit; ein gesunder Mischwald aus hitzeresistenten Baumarten wie Feldahorn, Esskastanie oder Zitterpappel entsteht über Generationen. Die Bäume, die unsere Wälder am Ende dieses Jahrhunderts prägen sollen, müssen heute schon gepflanzt werden. Dabei geht es um weit mehr als die Zukunft der Forstwirtschaft. Intakte Wälder speichern Kohlenstoff, regulieren das Klima, schützen Böden und Wasser, sind Habitate für unzählige Arten und dienen als Erholungsraum. Umso alarmierender ist, dass Deutschlands Wälder inzwischen ihre Rolle als Kohlenstoffsenke weitgehend verloren haben. Aktuelle Waldzustandserhebungen zeigen, dass sie mittlerweile mehr Kohlendioxid freisetzen, als sie aufnehmen können – ein deutliches Warnsignal dafür, wie stark die Ökosysteme bereits geschädigt sind. [3][4]
Schöpfungsverantwortung ist kein Nebenthema
Die Bewahrung der Schöpfung gehört zum Kern christlicher Verantwortung. Die Schöpfung hat aus christlichem Verständnis einen Eigenwert und ist zudem Lebensgrundlage und gemeinsames Haus aller Menschen. Der Schöpfungsauftrag ist dabei auch immer ein Sozialauftrag. Papst Franziskus hat diesen Zusammenhang in seiner Enzyklika Laudato si‘ eindringlich beschrieben: Die ökologische Krise und die soziale Krise lassen sich nicht voneinander trennen. Schöpfungsverantwortung ist immer auch Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen und gegenüber dem Gemeinwohl. Gerade deshalb sollte die Kirche im Waldschutz nicht Mitläuferin, sondern Vorbild sein. Innerhalb der Kirche gibt es Stimmen, die seit Jahren mehr Tempo fordern. Der Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann, Umweltbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, bezeichnete den Schutz der Schöpfung als „buchstäblich überlebenswichtig“ [5] und warnte davor, notwendige Entscheidungen weiter aufzuschieben. Doch vielerorts bleibt Umwelt- und Klimaschutz hinter anderen Herausforderungen zurück. Die Verantwortung liegt letztlich bei den einzelnen Diözesen und Landeskirchen, die über ihre Flächen selbst entscheiden. Genau dort muss der Wandel beginnen.
Gute Ansätze – aber sie reichen nicht aus
Einiges wird schon getan – die Kirchenwälder der Erzdiözese Freiburg sind zum Beispiel mit dem Nachhaltigkeitssiegel PEFC-zertifiziert. Das bedeutet, dass die Forstwirtschaft bestimmten ökologischen Gütekriterien gerecht wird. Ein weiteres positives Zeichen der Erzdiözese: Im vergangenen Jahr übergab die Pfarrpfründestiftung einen Teil ihrer Waldflächen für zehn Jahre an den Naturschutzbund (NABU). Dort entsteht nun ein wertvoller Lebensraum für die stark bedrohte Mopsfledermaus. Solche Projekte zeigen, dass Kirche ökologische Verantwortung und Naturschutz kann. Gleichzeitig machen sie aber auch deutlich, wie groß das ungenutzte Potenzial noch ist. Die geschützte Fläche umfasst lediglich 2,5 Hektar von insgesamt rund 3.000 Hektar Wald der Erzdiözese Freiburg. Zertifizierungen und Einzelprojekte sind wichtige Schritte – angesichts der Dynamik der Klimakrise reichen sie jedoch nicht aus. Dabei besitzt kaum eine gesellschaftliche Institution vergleichbare Möglichkeiten. Mit ihren großen Flächen könnte die Kirche zeigen, wie klimaresiliente Waldwirtschaft, Artenvielfalt und soziale Nutzung zusammen gedacht werden können. Ein inspirierendes Beispiel dazu liefert die Diözese Graz-Seckau in Österreich. 2024 ist im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema „Soziale Innovation in kirchlichen Wäldern“ [6] ein Leitfaden entstanden, in dem Ideen vorgestellt werden, wie kirchliche Wälder positive Berührpunkte für Menschen sein können. Der Ideenkatalog reicht von Erlebnispädagogik über Insektenschutzflächen bis zu Waldseelsorge oder Bildungsprojekte.
Jetzt ist der Zeitpunkt zu handeln
Die katholische und die evangelische Kirche verfügen über eine außergewöhnliche Verantwortung. 150.000 Hektar Wald – Lebensraum, Klimaregulator, Wasserspeicher und Ruheorte für kommende Generationen. Deshalb richte ich einen direkten Appell an alle Diözesen und Landeskirchen: Nutzen Sie Ihren Gestaltungsspielraum. Beschleunigen Sie den Waldumbau, stellen Sie mehr Flächen unter Naturschutz, fördern Sie Biodiversität und machen Sie Ihre Wälder zu sichtbaren Orten gelebter Schöpfungsverantwortung. Der Klimawandel wartet nicht.
[1] Pfarrpfründestiftung der Erzdiözese Freiburg (2025): Stiftungsbericht 2025. [2] Kronenverlichtung: Meint den Verlust von Blättern oder Nadeln in der Baumkrone und gilt als wichtiger Indikator für die Vitalität eines Baumes. Je stärker die Krone verlichtet ist, desto schlechter ist der Gesundheitszustand des Baumes. [3] Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (2023): Deutschlands Wälder. Die aktuelle Situation, abrufbar unter: https://www.dlg.org/magazin/deutschlands-waelder-die-aktuelle-situation. [4] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (2026): Ergebnisse der Waldzustanderhebung 2025, abrufbar unter: https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/waldzustandserhebung-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=4. [5] Katholische Kirche Bistum Münster (2025): Klimaschutzkonzept Kompakt, abrufbar unter: https://www.bistum-muenster.de/fileadmin/user_upload/Website/Downloads/Bistum/BGV/S300-Kirche-in-Gesellschaft/2025/2025-02-Klimaschutzkonzept-Kompakt.pdf. [6] Katholische Kirche Steiermark (2024): Soziale Innovation in kirchlichen Wäldern, abrufbar unter: https://www.bfw.gv.at/wp-content/uploads/Soziale-Innovation-in-kirchlichen-Waeldern-final.pdf, grafisch illustrierte Ideenlandkarte auf S. 16 ff.

Leonie Herlan
Leonie Herlan studiert katholische Theologie und Geographie an der Universität Freiburg und arbeitet im Redaktionsteam Zwoelf57. Ihre Lieblingseissorte ist dunkle Schokolade – das geht immer!
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