Im Experimentierfeld der Theologie – Wie Theologie Mündigkeit fördert

Mündig sein heißt, die eigene Stimme zu finden – und den Mut zu haben, sie zu benutzen. Welche Rolle spielen Religionsunterricht und die akademische Theologie bei der Förderung der Mündigkeit?

Man sieht verschiedene Glasampullen mit bunten Flüssigkeiten, die in einem Holzständer stehen.

Was ist Mündigkeit?

Mündigkeit ist eine schöpferische Kompetenz, durch die das Subjekt seine eigene Stimme hervorbringt. Sie bezeichnet aber auch eine kämpferische Kompetenz, durch die der Geist die Passivität abwehrt, die ihm Bildung und Erziehung aufzwingen, indem sie Wissen und Werte vermitteln, ohne genügend Raum für kritische Reflexion zu schaffen. Auch wenn dieser Raum gewährleistet ist, muss sich der Mensch die Mündigkeit mühsam erkämpfen, indem er die ihm vermittelten Inhalte eigenständig hinterfragt. Die Lernkultur kann diesen Prozess bloß leichter oder schwerer machen. So kann Mündigkeit als Mut zur (Selbst-)Kritik aufgefasst werden. Zudem hat Mündigkeit auch Implikationen für die Politik, insofern das kritische Hinterfragen sich auf das politische Geschehen streckt und Ungerechtigkeitsstrukturen herausfordert. [1]

Je weniger Antworten, desto mehr Mündigkeit

Die eigene Stimme zu finden setzt den Dialog mit anderen Stimmen voraus. Der akademische und schulische Dialog läuft aber Gefahr, die Stimme des Subjekts durch „die Stimmen der Anderen, der Altvorderen, der »Klassiker« […] mundtot zu machen.“ [2]Diese Kritik richtet sich heute immer häufiger an die akademische Philosophie, die das Interesse an den Antworten der Studierenden immer mehr aus den Augen verliert, weil sie sich mehr für die Antworten der »großen Klassiker« interessiert. Die Autorität der überlieferten Antworten ist weiterhin ein vorherrschendes akademisches Ideal, welches häufig dazu führt, dass die Verschulung des Denkens „das Ende des Denkens selbst“ [3] bedeutet. Dies kann verhindert werden, indem die kritische Haltung gegenüber den »Großen« nicht bloß etwas Toleriertes, sondern etwas Gefordertes ist. Und dafür muss die Subjektorientierung [4] ins Zentrum der pädagogischen Konzepte rücken und auch im akademischen Rahmen aufgegriffen werden.

Je mehr Theologie, desto mehr Mündigkeit

Die Theologie entwickelt ein natürliches Interesse an der Förderung der Mündigkeit, sobald sie erkennt, dass der Glaube erst im Vollzug subjektiver Aneignung Gültigkeit und Beständigkeit gewinnt. [5] Da die Glaubensgemeinschaft den realen Ausdruck des Glaubens darstellt, ist der mündige Glaube die Voraussetzung einer lebendigen Theologie, welche vom Interesse der Glaubensgemeinschaft vorangetrieben wird. Um also lebendig bleiben zu können, muss die Theologie das adressierte Subjekt methodisch in ihre Selbstkritik einbeziehen, um so gewährleisten zu können, dass jede:r den Glauben mitreflektieren und ihn „in Freiheit annehmen kann.“ [6]  Heute ist die theologische Fachdidaktik bereits sehr stark vom Prinzip der subjektorientierten Religionspädagogik [7] geprägt, was sich besonders in der Kinder- und Jugendtheologie [8] zeigt. Dabei braucht sie keine Glaubenskrisen zu scheuen, weil sie sich bewusst ist, „wie diese zur Mündigkeit im Glauben beitragen können.“ [9] Zudem hat die Theologie das Potenzial, eine Diskussionskultur von Ambiguitätstoleranz zu kultivieren, welche die Voraussetzung einer subjektorientierten Lehrpraxis ist. Das impliziert nicht nur „die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen […] zu ertragen“ [10], sondern auch die fachliche Kompetenz, solche Situationen hervorzurufen und die Autorität der »Altvorderen« ständig in ein Spannungsverhältnis zur Autonomie des adressierten Subjekts zu bringen.

Die theologische Forderung nach Mündigkeit ist allerdings viel älter als diese modernen Konzepte. Sie wurde bereits in der neuzeitlichen Theologie – exemplarisch bei Pascal, Jacobi, Kierkegaard und Schleiermacher – herausgearbeitet. Sie ist aber noch älter als das, denn sie gründet in der fundamentalen Einsicht, dass Gott und das vielfältige Verhältnis zu ihm keine mathematischen Formeln sind, die vorgeführt werden können, sondern „der Gott Abrahams […] ein Gott [ist], der die Seele und das Herz erfüllt, […] ein Gott, welcher die Seele fühlen läßt, […] daß er allein sie heilen könne.“ [11]

Experimentaltheologie

Die Theologie der Gegenwart hat das Potential, einen nachhaltigen Paradigmenwechsel einzuführen. Das Bibelzitat »Die Wahrheit wird euch frei machen« (Joh 8,32), steht für das alte Paradigma. Es bringt einen passiven Menschen zum Ausdruck, der durch eine bereits gegebene Wahrheit befreit werden soll. Die Überwindung dieses Paradigmas bedarf einer experimentellen Form der Theologie. Diese vermittelt keine durchgedachten Wahrheiten, sondern experimentiert mit Möglichkeiten von Wahrheit, wobei ihre Experimente bewusst unabgeschlossen bleiben. Denn sie versteht Wahrheit als etwas, das erst durch die existentielle Haltung des Menschen wirksam wird und nie theoretisch festgenagelt werden kann. [12] Deshalb zielen ihre Experimente darauf, die Horizonte des Glaubens zu erweitern, statt seine Beweise vorzulegen. Darin liegt eine sehr lebendige Freiheitskonzeption. Denn der Glaube drängt sich nicht von außen auf; nichts zwingt zu ihm. Vielmehr entsteht er dadurch, dass der mündige Mensch affirmative Schritte in Richtung des Glaubens macht und dadurch sein Verhältnis zum Leben immer expliziter gestaltet. Denn jede Affirmation des Glaubens setzt voraus, dass der Mensch sich von Strukturen geistiger Bevormundung befreit und aus eigener Reflexion heraus ein Urteil fällt, welches das Leben unmittelbar angeht. Diese Freiheitskonzeption bedarf einer Lernkultur in der Theologie, welche die Mündigkeit im Glauben bewusst als ihr wesentliches Paradigma anstrebt. Dieses kommt im folgenden Bibelzitat beispielhaft zum Ausdruck: „Warum aber urteilt ihr nicht auch von euch aus darüber, was recht ist?“ (Lukas 12,57).

 

[1] Vgl. ADORNO, Theodor: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, hrsg. v. Gerd Kadelbach, Frankfurt: Suhrkamp 1970, S. 91-109.

[2] SOMMER, Andreas Urs: Die Jetztzeit, die Philosophie und das gute Leben, in: LINDENAU, Mathias; MEIER KRESSIG, Marcel (Hrsg.): Endzeitstimmung? Vom Umgang mit einer verunsicherten Welt (= Vadian Lectures, Bd. 10), Bielefeld: transcript 2025, S. 89.

[3] EILENBERGER Wolfram: Die akademische Philosophie erzieht zur Mutlosigkeit, Frankfurter Rundschau, März 2026.

[4] Klaus Goßmann unterscheidet zwischen Subjektorientierung und Schülerorientierung: Bei der Schülerorientierung vollzieht die Lehrperson eine stellvertretende Reflexion für die Schüler:innen, während die Subjektorientierung die Lernenden selbst als reflexive Subjekte ernstnimmt. Vgl. GOßMANN, Klaus: Identität und Verständigung. Aufgaben und Probleme einer am Subjekt orientierten Religionspädagogik, in: EvErz 49 (1997), S. 254.

[5] In Anlehnung an Kierkegaards Prinzip einer „Wahrheit für dich“. Vgl. KIERKEGAARD, Sören: Entweder – Oder. Teil I und II, hrsg. v. H. Diem u. W. Rest, übers. v. H. Fauteck, 15. Aufl., München: dtv Verlagsgesellschaft 2020 (Orig. 1843), S. 933.

[6] THEOBALD, Christoph: Heute ist der günstige Augenblick. Eine theologische Diagnose der Gegenwart, in: FEITER, Reinhard, MÜLLER, Hadwig (Hrsg.): Frei geben. Pastoraltheologische Impulse aus Frankreich, Ostfildern 2012, S. 91.

[7] Vgl. SCHWEITZER, Friedrich: Subjektorientierung in der Religionspädagogik. Grundprinzip, Alleinstellungsmerkmal oder Desiderat? Ein Klärungsversuch, in: JRP 38 (2022), S.18-32.

[8] BÜTTNER, Gerhard: Gesammelte Aufsätze zur Kindertheologie, Stuttgart: Calwer 2021.

[9] Bildungsplan des Gymnasiums, Katholische Religionslehre. Bildung, die allen gerecht wird, Baden-Württemberg: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport 2016, S. 36.

[10] MENDL, Hans: Subjektorientierung unter Druck: neue Normative in der (Religions-)Pädagogik, in: Religionspädagogische Beiträge 46 (2023) 1, S. 56.

[11] PASCAL, Blaise: Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände (Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets), übers. v. Karl Adolf Blech, Berlin: Wilhelm Besser 1840 (Orig. 1670), S. 360.

[12] Vgl. THEOBALD, Christoph: Christentum als Stil. Für ein zeitgemäßes Glaubensverständnis in Europa. Freiburg: Herder 2018, S. 52-53. „das Kennzeichen einer Art und Weise, die Welt zu bewohnen“.

Abdullah Rahhal

Abdullah Rahhal studiert Theologie, Philosophie und Wirtschaftswissen-schaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er mag klassische Lyrik.

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