Catch it while you can. Elke Pahud de Mortanges über «The First Homosexuals» & Marc Bauer im Kunstmuseum Basel
Im Rahmen des Seminars „I’m the Mother too. Familie und Elternschaft jenseits heteronormativer Geschlechterordnungen in Religion, Kultur und Kunst", begab sich eine Gruppe Studierender gemeinsam mit der Dozentin Elke Pahud de Mortanges nach Basel und besuchte die Ausstellung „The First Homosexuals", die dort noch bis zum 02. August zu sehen ist. Elke Pahud de Mortanges erzählt vom Erleben der Ausstellung, ordnet einige Symbole und Zeichen in den Bildern für uns ein und hebt die Arbeiten von Marc Bauer als (queer-)theologischen Resonanzraum der Ausstellung hervor.

Titelbild: Andreas Andersen, Interior with Hendrik Andersen and John Briggs Potter in Florence (1894) © Museo Hendrik C. Andersen, Roma, inv. N. 14299.
«Wow». «Toll». «Das geht uns an». «Aber auch ambivalent». «Und Bauer, ein grosses Glück». So in Kurzform das Echo der Teilnehmer:innen meines Seminars I’m the Mother too nach unserem Besuch dieser Ausstellung, die aus Chicago kommt. Und die in Europa kein Museum zeigen wollte. Das Kunstmuseum Basel aber schon. Auf ein Drittel redimensioniert und adaptiert ist sie im Sous-sol des Nebengebäudes noch bis zum 2. August 2026 zu sehen. Dass man den Schweizer Künstler Marc Bauer (*1975) eingeladen hat, zeitgleich den Verbindungstrakt zwischen Neben- und Hauptgebäude mit einer aktuellen, multimedialen Installation zu bespielen (Fear, Rage, Desire, Still Standing) ist ein grosses Glück.
Wirklich «First» Homosexuals?
Was aber hat es mit dem irritierenden «First» und der Zeitspanne 1869-1939 auf sich? Nun, die Ausstellungsmacher wissen, dass gleichgeschlechtliches Begehren nicht neu und keine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Was aber 1869 neu ist, das ist das wording mittels der Begriffe Homosexualität und Heterosexualität, welche das Begehren nun erstmals als «essenzialisierte» Sexualität und Identität normieren und die Bilderwelten prägen.
Codierte Zeichen und verschlüsselte Signale
Welche «verschlüsselten Zeichen» und «codierten Signale» zur Inszenierung der Vielfalt der Geschlechter und des Begehrens zum Zug kommen, zeigen exemplarisch zwei Bildwerke. La Blanchisseuse (1879) und Interior with Hendrik Andersen and John Briggs Potter in Florence (1883).
Links ein Wäschekorb auf einer Parkbank. Daneben sitzend die (titelgebende) Wäscherin, den Blick auf uns – die wir dieses Tableau betrachten – gerichtet. Rechts davon, zwei an ihr vorbei flanierende, männlich gelesene Personen, die eine bei der andern eingehakt. Eine alltäglich-banale Promenaden-Szenerie? So möchte man meinen. Doch die Zeichnung des Malers Pascal Dagnan-Bouveret offenbart so viel mehr. Dann, wenn man das «Gewerbe» einer Wäscherin – damals ein «codiertes Signal erotischer Verfügbarkeit», sprich Sexarbeit – samt ihrem enttäuschten Blick zu lesen vermag. Plötzlich wissen wir mehr. Und sehen, was wir vorher nicht sahen. Im Bild. Und in der Wirklichkeit.
Nicht anders die idyllisch anmutende Seelandschaft im Pariser Bois de Boulogne (1883). Louise Abbéma hat sich hier mit ihrer Lebensgefährtin Sarah Bernhardt ins Bild gesetzt. Louise im schwarzen Gewand mit Sonnenschirm stehend im kleinen Boot. Sarah sitzend und eine im Wasser herannahende Entenfamilie fütternd. Es sind die beiden schwarzen Schwäne in der Verlängerung des Bootes, die den verbindlichen Bedeutungs- und Beziehungsraum jenseits des Heteronormativen eröffnen.
Marc Bauer’s Transpositionen ins Heute
Dass und wie die schwarzen Schwäne im Verbindungstrakt durch Marc Bauer in seinem Werk Manifesto (2026) figurativ zitiert und mit weiteren Bildelementen der Ausstellung assembliert werden, das ist einfach der Hammer. Wie überhaupt Bauers Rezeption, Integration und Transformation von Elementen der The First Homosexualsetwas vermag, was die Hauptausstellung zwar textuell im Begleitheft, aber nicht visuell in der Präsentation einzulösen vermag: diese in den queeren Diskursen und Fragestellungen des 21. Jahrhunderts zu situieren. Dass und wie Bauer dabei die christliche Ikonographie und den jesuanischen Passionsweg visuell und hermeneutisch ins Spiel bringt, darauf wird in Bild und Wort am Schluss dieses Beitrags einzugehen sein.
Das erste explizite Doppelporträt eines queeren Paares
Zuvor aber nochmals zurück ins 19. Jahrhundert und zum ersten, expliziten Doppelporträt eines queeren Paares in intimem Interieur aus dem Jahr 1894. Der Maler Andreas Andersens setzt seinen Bruder Hendrik (im Bett liegend) mit seinem Partner John ins Bild. Kompositorisch formt das Paar durch die Anordnung der Gliedmassen einen Körper-Raum. In diesen hineingenommen ist ein Kätzchen, das von Hendrik mit sanfter Geste berührt wird, während John symmetrisch dazu sein (eigenes) Bein umfasst. Es ist unser Blick als Schauende, welcher der Dynamik der zarten Gesten folgt und den Kreis ganz von alleine schliesst. Und sieht. Und weiß.

Andreas Andersen, Interior with Hendrik Andersen and John Briggs Potter in Florence (1894) © Museo Hendrik C. Andersen, Roma, inv. N. 14299.
Die Ambivalenz der Asymmetrien und wir als Kompliz:innen
Als schwierig und grenzüberschreitend haben wir jene Bildwerke erlebt, wo die Bildsprache kippt und kontrastierende Männlichkeitskonzepte ein inhärentes Gefälle freilegen. Etwa da, wo ephebische Knabenhaftigkeit auf muskelgestählte, adulte Maskulinität trifft. Oder da, wo zur Inszenierung ausgelassenen Feierns eine fragwürdige, kolonial- rassistisch texturierte Bildsprache – othering – dominiert. Hier hätte man sich unmittelbar (!) daneben (und nicht nur im Booklet) Texte gewünscht, welche die Problematik der visuellen Präsentationen ins Sprach-Wort bringen und problematisieren.
Ein grosses Glück: Marc Bauer denunziert Queerfeindlichkeit heute
Nicht nur, aber auch darum ist es ein grosses Glück, dass der queere Künstler Marc Bauer mit seinem Projekt Was es bedeutet, ein Mann zu sein den Verbindungstrakt «bespielt» und jede Form von Hass und Gewalt gegen queere Menschen bloßstellt und denunziert. Dass Demütigung und Ausgrenzung nicht etwas «nur» Privates und Autobiographisches, sondern zugleich und zentral etwas Politisches und Strukturelles sind und im Gestern wie im Heute Macht haben, ist das Thema des doppelseitigen, raumgreifenden Bildes The Crowd. Das auf der einen Seite die Männlichkeit der Mächtigen Heute abbildet, verkörpert durch den aktuellen amerikanischen Präsidenten, der von der ihn umgebenden Menge beklatscht wird. Auf der anderen Seite adaptiert Bauer das Gemälde Kreuztragung von Hieronymus Bosch (16. Jh.), um die Folgen solch toxischer Maskulinität sichtbar zu machen, hier verkörpert durch die Figur Jesu. Mit Dornen gekrönt, von der Menge verhöhnt und verspottet, nimmt sein Kopf die Mitte des Bildes ein. Jesu Gestalt versinkt in der Menge, die ihn wie ein Fischschwarm umringt und ihn unter seinem Kreuzbalken nach rechts drängt. Einzig eine Frau, durch das Schweisstuch in ihrer Hand als Heilige Veronika erkennbar, geht links unten aus der Menge heraus in die andere Richtung. Der Text, den Bauer dem Bild eingeschrieben hat, lässt keine Zweifel zu. Queere Menschen, die nicht der umseitigen Männlichkeitsmacht und Macht-Ideologie konform sind, werden wie Jesus verspottet, physisch gedemütigt und sozial ausgegrenzt. Ihr Passionsweg ist sein Passionsweg. Sein Schrei ist ihr Schrei. They assault us, They harass us, They criminalize us, They scapegoat us, They torture us, They isolate us, They dehumanize us, They kill us.

Marc Bauer, «The Crowd». Foto Elke Pahud de Mortanges © beim Künstler, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich, Paris.

Elke Pahud de Mortanges
Elke Pahud de Mortanges ist apl. Prof.in an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und wissenschaftliches Mitglied des Zentrums für Anthropologie und Gender. Ohne Lippenstift fühlt sie sich nicht angezogen.
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