Theologie und Theater im Dialog – Die Frage nach Mensch und Gott am Ort des Theaters

Seit 2015 ereignet sich das Format Theologie und Theater im Dialog an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Wie die Kunstform Theater als theologiekonstitutiv verstehbar werden kann und warum es um mehr geht, als um das Erkunden eines fremden Ortes.

Am Anfang war: Jesus Christ Superstar. Die Rock-Oper, die sich mit der Passionsgeschichte Jesu beschäftigt und mit Texten von Tom Rice und der Musik von Andrew Lloyd Webber verwirklicht wurde, stand in der Spielzeit 2015/2016 auf dem Spielplan des Theater Basels. Unkompliziert konnte durch die Unterstützung der Fachschaft der Theologischen Fakultät ein Besuch zu einer der Aufführungen von Jesus Christ Superstar in Basel organisiert werden, immer mehr Anmeldungen von Studierenden und Lehrenden gingen ein, Regisseur und Dramaturgin der Basler Inszenierung waren erstaunt und angetan, dass sich Interessierte einer Theologische Fakultät mit dieser künstlerischen Bearbeitung der Jesus-Geschichte auseinandersetzen wollen – und geboren war Theologie und Theater im Dialog. Seitdem ereignet sich Theologie und Theater im Dialog als ein niederschwelliges und allen Interessierten offenstehendes Format an der Theologische Fakultät der Universität Freiburg in regelmäßigen Abständen.

Für die Theologie als Wissenschaft und vernunftbegründete Rede von Gott stellt sich die beständige Aufgabe, Transformationen des Religiösen und eine veränderte Rede von Gott wahrzunehmen und diese kritisch-konstruktiv zu reflektiveren. Den vielfältigen Dimensionen von Kunst, theologisch verstanden als menschliche Selbstaussagen vor dem Hintergrund göttlicher Offenbarung, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Die Frage des Religiösen bleibt künstlerisch präsent und sie bricht sich immer wieder kreativ, unverbraucht und ungefragt Bahn.[1]

Von dieser Entwicklung ist das Theater als eigene, performative und damit unmittelbare Kunstform seit jeher nicht ausgeschlossen. Bereits ein flüchtiger Blick auf vielgespielte Dramenklassiker der Weltliteratur wie Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise („Denn dein ‚Sich Gott um so viel näher fühlen‘, / Ist Unsinn oder Gotteslästerung“ oder „Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? / Geschrieben oder überliefert“), William Shakespeares Hamlet („Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“ oder „Gott hat euch ein Gesicht gegeben und ihr macht euch ein anderes!“) oder Johann Wolfgang von Goethes Faust („Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion? / Du bist ein herzlich guter Mann, / Allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon.“) veranschaulicht die Relevanz von Glaubensfragen im theatralen Raum und verweisen auf einen deutlichen Religionsbezug am Ort des Theaters. Darüber hinaus ist es bemerkenswert, dass in den letzten Jahren ein neues und wachsendes Interesse der Kunstform Drama und Theater an religiös-christlichen Themen wahrzunehmen ist, das in unterschiedlichen Texten, experimentellen Stückentwicklungen und deren szenischer Realisationen seinen Ausdruck gefunden hat.[2] Zeitgenössische Theatermacher*innen wie etwa Ulrich Seidl (Vater unser 2004), Lukas Bärfuss (Der Bus oder Das Zeug einer Heiligen 2005), Kay Voges (Das 1. Evangelium – frei nach dem Matthäus-Evangelium 2018) Milo Rau (Das neue Evangelium und die Revolte der Würde 2020), oder René Pollesch (Mein Gott, Herr Pfarrer 2023) widmen sich in ihren Arbeiten vielfältigen Dimensionen des Religiösen und tragen damit zu einer sich aktualisierenden Rede von Gott im säkularen Raum des Theaters bei.

Das Format Theologie und Theater im Dialog ist von dem Gedanken getragen, das theologiekonstitutive Potenzial der Kunstform Theater zu erschließen.

Wie wird das Theologietreiben durch Fragen des Theaters angeregt, wie kann sich die Theologie im Spiegel des Theaters selbst wahrnehmen und welche neuen Formen und Transformationen religiöser Themen und Motive und einer performativen Gottesrede sind in der Kunstform des Theaters zu beobachten?

Wer sich auf die Entdeckung von neuen Orten für die Theologie und die Rede von Gott macht, stößt in einer klassischen, systematisch-theologischen Lesart auf das Konzept der loci theologici.[3] Während innerhalb dieses traditionellen Konzepts die loci properi aus einer ausgesprochenen Nähe zur christlichen Offenbarung heraus zu verstehen sind, werden alle weiteren Orte in der Kategorie des Anderen, den loci alieni, zusammengefasst. Wie sehr sich dieses nach wie vor verbreitete Konzept der systematischen Theologie weiterentwickeln kann, wird vor dem Hintergrund des Gedankens deutlich, dass biblisch und theologisch von einem Wirken Gottes auszugehen ist, das weit über die Grenzen des expliziten Christentums und seiner kirchlichen Verfasstheit hinausreicht. Innerhalb der unterschiedlichen Realisationen von Theologie und Theater im Dialog ist es nicht von Interesse, Theaterinszenierungen und ihre zugrundeliegenden Textfassungen hinsichtlich einer vermeintlich tiefen Kluft zwischen dem, was Religion, Theologie und Reden von Gott meinen kann und dem, was sich auf den Brettern des Theaters ereignet, zu betrachten. So fremd, so entfernt, so anders, wie es das Konzept der loci theologici mit der Kategorisierung der loci alieni nahezulegen versucht, sind die Themen, Inhalte und Motive des Theaters mit Blick auf Theologie, Glauben, Religion, Sinn – kurzum das Menschsein, schlichtweg nicht.

Vielmehr mag einmal mehr die wiederkehrende Definition von Religion, wie sie Paul Tillich formulierte, für einen Dialog von Theologie und Theater zur Geltung kommen: „das, was unmittelbar angeht“.

Ein Austausch zwischen der Welt der Theologie und der des Theaters geht davon aus, dass sich das unbedingt Angehende in einem Theater-Text, einer Theater-Inszenierung oder einer Theater-Performance verbirgt und es der wissenschaftlichen, universitären Theologie zukommen kann, diese Verborgene kreativ zu entdecken und es zu erschließen.

Damit kann Theologie in der Kunstform des Theaters Phänomene von Sinnsuche, Religion oder Gottesfrage und auch theologische Begriffe ausfindig machen, diese kritisch-konstruktiv reflektieren und für weitere theologische Prozesse fruchtbar machen.

Vor diesem Hintergrund mag es nur folgerichtig sein, dass sich Theologie und Theater im Dialog Texten und deren Inszenierung annimmt, die in ihrer Vielfalt von der menschlichen Suche nach dem, „was unmittelbar angeht“ sprechen. So waren es neben der erwähnten Rock-Oper Jesus Christ Superstar (Theater Basel 2016), Lessings Nathan der Weise (Stadttheater Freiburg 2016), die bildgewaltige Produktion Das 1. Evangelium – frei nach dem Matthäus-Evangelium (Staatstheater Stuttgart 2018) ebenso Wolfang Borcherts Draußen vor der Tür (Stadttheater Freiburg 2022) oder zuletzt Der Krieg hat kein weibliches Gesicht von Swetlana Alexijewitsch (Stadttheater Freiburg 2023).

Für ihren Text Der Krieg hat kein weibliches Gesicht hat sie belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch gefragt und zugehört: den Scharfschützinnen und Panzersoldatinnen, den Ärztinnen und Krankenschwestern, die in der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Sie hat ihnen in ihrem Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht[4], das 1985 veröffentlicht wurde und für das sie 2015 den Literaturnobelpreis erhielt, eine Stimme gegeben. Es ist ein vielstimmiger Chor von Frauen, der spricht: vom Geruch des Todes, dem Starren der Toten, dem Menstruationsblut in der Hose, den zu schweren Schuhen und der Patrone, die eine jede für sich selbst aufbewahrt für den Fall, dass sie in Gefangenschaft geraten sollte. Das Stadttheater Freiburg brachte die Textfassung durch eine gleichermaßen ästhetisch reduzierte wie einnehmende Theaterinszenierung in der Regie von Malgorzata Warsicka auf die Bühne. Zu sehen und zu hören war von der Trauer und Angst, Freude und Hoffnung von Frauen im Krieg, gestern und heute.

Die Frage nach Gott und Mensch am Ort des Theaters zu erkunden, dazu will das Format Theologie und Theater im Dialog einladen und damit einen Beitrag leisten zu der Suche nach dem, was eine Theologie in der Gegenwart „unmittelbar angehen“ sollte.

Weitere Informationen zu Theologie und Theater im Dialog finden Sie hier.

 

[1] Vgl. als Beispiel für die Literatur der Gegenwart: Braun, Michael, Probebohrungen im Himmel. Zum religiösen Trend in der Gegenwartsliteratur, Freiburg i. Br. 2018 oder auch Rahner, Karl, Die Kunst im Horizont von Theologie und Frömmigkeit, in: Ders., Sämtliche Werke, Band 29, Geistliche Schriften. Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens. Freiburg i. Br./Basel/Wien 2007,140.

[2] Vgl. etwa Keim, Katharina, Glaubensfragen? Zur Wiederkehr des Religiösen im deutschsprachigen Theater heute: Versuch einer Bestandsaufnahme, in: Jahrbuch für internationale Germanistik 2 (2005), Berlin/Bern 79-102; Brandenburg, Detlef, Schwerpunkt: Theater und Religion, in: Die deutsche Bühne 6 (2005), 18-23; Primavesi, Patrick, Theater und Religion – Mit dem Überrest arbeiten, in: Primavesi, Patrick/Schmitt, Olaf A. (Hg.), Theaterarbeit zwischen Text und Situation (= Recherchen 20), Frankfurt a. M. 2004, 53-61; Weiler, Christel, Glaubensfragen – postdramatisch, in: Primavesi, Patrick/Schmitt, Olaf A. (Hg.), Theaterarbeit zwischen Text und Situation (= Recherchen 20), Frankfurt a. M. 2004, 44-52.

[3] Vgl. ausführlich: Körner, Bernhard, Orte des Glaubens – loci theologici, Studie zur theologischen Erkenntnislehre.

[4] Alexijewitsch, Swetlana, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, München 2015.

Titelbild: Theater Freiburg

Clemens Hermann Wagner

Clemens Hermann Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Dogmatik der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Im Rahmen seiner Dissertation beschäftigt er sich mit der Verhältnisbestimmung von zeitgenössischem Theater und systematischer Theologie.

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