„My name is Luka…“ Zur häuslichen Gewalt in Corona-Zeiten

„My name is Luka, I live on the second floor …“ Mit diesen Worten beginnt der eindrückliche Rock-Song „Luka“, in dem die US- amerikanische Sängerin Suzanne Vega das Thema häusliche Gewalt anspricht.

Auf dem Bild sieht man die Silhoutte eines Kindes. Es steht an einem Fenster und hält die Hände hoch.

„Luka“ ist der siebenjährige Junge, dessen Mutter ihn während des Corona-Shutdowns 2021 mit einer Thermoskanne schlägt und hungernd einsperrt. „Luka“ ist der Grundschüler, der erst als sich seine Schule nach dem Shutdown unter Verdacht der Kindeswohlgefährdung an die Polizei wendet, aus dem Haushalt entnommen wird. „Luka“ ist das Kind, das mit bleibenden seelischen Schäden und körperlichen Beeinträchtigungen zurückbleibt, weil die Überforderung seiner Mutter in der pandemiebedingten Schulschließung wächst. „Luka“, in Anlehnung an Suzanne Vegas Song benannt, ist jedes Kind und jeder Erwachsene, der in der Corona-Zeit unter häuslicher Gewalt leiden muss.

Für viele Familien bleibt in der Pandemie der gewohnte Alltag aus und an seiner Stelle bildet sich eine gewisse Monotonie, die nur eingeschränkt durch Freizeitgestaltung und soziale Kontakte unterbrochen werden kann.

„Luka“ ist kein Einzelfall

Viele Familien und Partnerschaften sind in der Corona-Zeit von besonderem Zusammenhalt und großem Gemeinschaftsgefühl geprägt. Aber die Hilfsorganisation Weißer Ring nimmt auch einen Anstieg von Gewalt und Missbrauch in Partnerschaft und Familie während der Corona-Pandemie wahr. Jörg Ziercke, der Bundesvorsitzende des Weißen Rings, spricht von einer zehnprozentigen Zunahmean häuslicher Gewalt im Jahr 2020. Rund 80% der Opfer sind Frauen, aber auch die Zahl an Kinder, die innerhalb der eigenen Familie körperlich und seelisch angegriffen werden, steigt in der Pandemie. Gerade im Anschluss an die umfassenden Lockdowns 2020 und 2021 wuchsen die Fallzahlen in erfassten Meldungen und vermuteter Dunkelziffer sprunghaft an. Vernachlässigung, Misshandlung oder Gewalt gehören schmerzlicher Weise zum Corona-Alltag vieler Kinder und Erwachsener.

Corona ist nicht Auslöser, sondern Katalysator

Dabei ist die Corona-Pandemie aber nicht unbedingt der Auslöser dieser Formen häuslicher Gewalt, sondern ein verstärkender Faktor. Für viele Familien bleibt in der Pandemie der gewohnte Alltag aus und an seiner Stelle bildet sich eine gewisse Monotonie, die nur eingeschränkt durch Freizeitgestaltung und soziale Kontakte unterbrochen werden kann. Zusätzlich belasten neben finanziellen und existenziellen Sorgen, ein Mehraufwand auf Grund von Homeschooling oder dem Ausfall der Kinderbetreuung das Zusammenleben vieler Paare und Familien. Vor allem dort, wo es schon vor der Krise gekriselt hat, kommt es jetzt zu Eskalationen. Stressfaktoren wie Frust, Streitigkeiten und Angst, die in der Pandemie entstehen, können nur schwer gelöst werden, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann oder es keine Möglichkeit gibt, einen sozialen, kulturellen oder körperlichen Ausgleich zu finden. Diese Stressfaktoren können dann innerhalb des geschlossenen Systems Familie oder Partnerschaft verstärkt und weitergegeben werden, bis es schließlich zu verbalen oder physischen Übergriffen kommt.

Corona schafft einen Dunkelraum

Vorhandene Präventionsstrukturen oder Schutzeinrichtungen, die häusliche Gewalt und Verletzungen gegen das Kindeswohl verhindern oder aufarbeiten, sind auf Grund der Pandemie und innerhalb der Pandemie weggefallen, in ihrem Handeln eingeschränkt oder waren gezwungen, neue Arten der Kontrolle und Unterstützung zu finden. Dadurch entsteht ein Dunkelraum, in dem Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung geschehen kann. Eine Befragung, die SZ und WDR mit hunderten von Jugendämtern in Deutschland durchgeführt haben, gibt einen Rückgang an Kinderschutzmeldungen im Anschluss an die ersten pandemiebedingten Kontaktverbote an. Diese beispielhafte Beobachtung der deutschen Jugendämter heißt aber nicht, dass die erwartete Welle an häuslicher Gewalt ausgeblieben ist, sondern dass diese Welle und ihre Konsequenzen erst verzögert sichtbar werden. Betroffene Familien und Personen sind in der Pandemie häufig auf sich gestellt und müssen mit den äußeren Folgen und dem internen Stress der Pandemie selbst zurechtkommen. Mitarbeitende von Frauenhäuser vermuten außerdem, dass sich viele Opfer auf Grund veränderter häuslicher Situationen, wie z.B. Kurzarbeit des gewalttätigen Ehepartners, oder aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19, nicht trauen, sich zu melden oder Hilfe zu suchen. Zudem fällt während der Corona-Pandemie auch die Gesellschaft als Wächterin und Sicherheitsnetz vieler Opfer weg. Physische oder psychische Verletzungen von Kindern oder Erwachsenen werden häufig durch Außenstehende aus dem Umfeld wahrgenommen und gemeldet. Das geht aber nur, wenn das Kind vor Ort Schulunterricht hat und die erwachsene Person im Büro auf aufmerksame Kollegen trifft und nicht isoliert im Homeoffice arbeitet.

Vorsorge, Sorge, Nachsorge und Wächterfunktion

Schon zu Beginn der Pandemie warnten Expert:innen und Hilfsorganisationen, wie z.B. die Diakonie, die UN und der Deutsche Kinderschutzbund, vor einem Anstieg häuslicher Gewalt während der Corona-Krise, bedingt durch Pandemie-Maßnahmen und Pandemie-Folgen. Zwingende gesellschaftliche und politische Reaktion auf die nun eingetretenen Befürchtungen müssen strukturelle und umfassende Vorsorge,

Sorge und Nachsorge und eine solidarische Wächterfunktion sein. Formen dieser Vorsorge, Sorge und Nachsorge können transparente Aufklärungsarbeit, öffentliche und niederschwellige Präventionsangebote und Hilfsangebote für potenzielle Täter und Opfer sein. Aber auch Unterstützung und Entlastung von Familien und Paaren und darüber hinaus eine ganzheitliche Wachsamkeit im Handeln jedes Menschen sollten geleistet werden. Nicht nur eine Reaktion auf die akuten Fälle häuslicher Gewalt, sondern gerade die Entwicklung eines Aktionsplans zum Auffangen aller Opfer, die am Ende der Pandemie erkennbar werden, ist jetzt wichtig.

Familien und Partnerschaften sind die kleinste Einheit der Gesellschaft. Schutzräume, die für alle erhalten oder aufgebaut werden sollten. Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie wertvoll, aber auch wie verletzlich diese Schutzräume sind. Erhalt und Aufbau dieser Schutzräume ist die Aufgabe aller Menschen und Sozialstrukturen.

„My name is Luka, I think you’ve seen me before … “


Beitragsbild: https://pixabay.com/de/photos/kind-kind-am-fenster-fenster-junge-2667485/


Rebecca Sack

Rebecca Sack studiert Katholische Theologie im Magister-Studiengang.

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