„Klatscht nicht, sondern macht was!“ Fürsorge in der Gesellschaft

Lautes Klatschen hallte während der ersten Coronawelle im März 2020 vielerorts von Fenstern und Balkonen durch die Straßen. Der Applaus galt allen Helfenden wie Pflegekräften und Ärzt:innen, den eigentlichen Helden der Corona-Krise, wie mancher formulierte. Im Gespräch mit einem befreundeten Krankenpfleger wollte ich wissen, wie diese Art der Wertschätzung bei ihm und seinen Kolleg:innen eigentlich angekommen sei.

Auf dem Bild sieht man die Hände einer Frau, die klatscht

Seine Antwort war eindeutig. „Klatscht nicht, sondern macht was!“ Angesichts der teils katastrophalen Zustände in Kliniken und anderen Sorgeeinrichtungen sowie dem seit Jahren andauernden Pflegenotstand empfand er den Applaus lediglich als „hohle Phrase“ – nur ein weiterer Aufschrei ohne praktische Veränderungen. Auf meine Frage, was er sich denn für seinen Beruf als Krankenpfleger im Uniklinikum wünsche, antwortete er „mehr Zeit“. Keine Zeit zu haben aufgrund der hohen Anzahl der zu betreuenden Personen pro Pflegendem, um sich den Bedürfnissen der Patient:innen in befriedigendem Maß anzunehmen und damit verbunden immer wieder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, sei anstrengend und zerre an den Nerven. Sich Gedanken zu machen über die viel diskutierte Frage nach einer angemessenen Bezahlung, habe er nach 25 Jahren im Beruf aufgehört.

Auch heute noch hört man immer wieder den Satz ‚ich arbeite nicht‘, wenn Frauen sich dazu entschieden haben, sich voll der Kindererziehung, Haushalt oder Pflege von Angehörigen anzunehmen.

„Ich arbeite nicht“

Dass Pflege – allgemeiner gefasst Care-Arbeit (Fürsorge-Arbeit) – für unsere Gesellschaft essenziell ist, muss hier wohl nicht weiter ausgeführt werden. Ohne die gegenseitige Für-Sorge, die durch Care-Arbeiten im Beruflichen und Privaten ausgeführt wird, hätten wir als Babys nicht einmal die ersten Tage überlebt. Care-Arbeit steht damit im Zentrum allen Wirtschaftens. Woran liegt es nun also, dass trotz dieser unleugbaren Wichtigkeit, Care-Berufe noch immer eine solch mangelhafte Stellung in unserem Wirtschaftssystem einnehmen?

Die Autoren Schnerring und Verlan sehen mangelnde Wertschätzung als den Kern der unzureichenden Bezahlung und Arbeitsbedingungen in Care-Berufen an. Im Zuge der Industrialisierung im 18. Jahrhundert wurden klassische Care-Arbeiten wie Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Haushaltsarbeiten zunehmend in den privaten Bereich der Familie gedrängt. Sukzessiv wurde ihnen das Prädikat abgesprochen „produktive Arbeit“ zu sein. In Modellen der Erfassung gesellschaftlicher Wohlfahrtsproduktion wurde Care-Arbeit keine Berücksichtigung mehr gewidmet. Der Ökonom Friedrich List brachte diesen Sachverhalt provokativ in seinem Ausspruch auf den Punkt „wer Schweine erzieht, ist nach ihr ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied dieser Gesellschaft.“ Zeitgleich mit dieser Auflösung einer unterhalts- und bedarfsorientierten Wirtschaft entwickelte sich eine naturrechtliche Begründung der weiblichen Zuschreibung von Haus- und Sorgearbeiten. Diese waren die Aufgabe der Frau, wurden als Nicht-Arbeit definiert und verloren ihre wertschöpfende Bedeutung für Gesellschaft und Wirtschaft. Auch heute noch hört man immer wieder den Satz „ich arbeite nicht“, wenn Frauen sich dazu entschieden haben, sich voll der Kindererziehung, Haushalt oder Pflege von Angehörigen anzunehmen.

Auslagerung der Probleme

Zwar hat sich die gesellschaftliche Stellung der Frau in den letzten Jahrzehnten verändert, doch die mangelhafte ideelle und wirtschaftliche Wertschätzung von Care-Arbeit ist geblieben. Care-Berufe finden kaum finanzielle und wirtschaftliche Wertschätzung in unserem heutigen Wirtschaftssystem, von Care-Arbeiten im Privaten ganz zu schweigen. Die Folge: Erzieher:innenmangel, Pflegenotstand, usw. Und wie reagiert die Politik darauf? Mit gezielter Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland und technischen Lösungsansätzen. Letztlich ist dies nicht viel mehr als die Auslagerung der eigenen Probleme in andere, meist ärmere Länder. Das funktioniert vorübergehend, da eine schlechte Bezahlung in Deutschland noch immer mehr ist, als viele in ihrem Heimatland verdienen würden. Doch können wir unsere Probleme einfach anderen überlassen und damit die Übernahme von Verantwortung vertagen? Und selbst wenn so ein paar der freien Stellen besetzt werden können – ist es nicht eigentlich die vorsätzliche Vertuschung gesellschaftlich tiefgehender Wertprobleme?

Tiefgreifender Paradigmenwechsel

Denn was es wirklich braucht ist ein Paradigmenwechsel in den Köpfen der Menschen. Ein Für-Sorge füreinander tragen und Entgegenbringen der verdienten Wertschätzung für Care-Arbeiten im Privaten und Beruflichen sowie eine öffentliche Aufarbeitung der historischen Entwicklung. Es braucht ein Klatschen an Fenstern und Balkonen, das ernst gemeint ist; so ernst, dass es indiskutabel ist, in unserem Wirtschaftssystem aufgeht und Care-Arbeiten endlich der Wert verliehen wird, den sie als Zentrum unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens moralisch und wirtschaftlich verdienen.


Vertiefende Literatur:

Schnerring, Almut/ Verlan, Sascha, Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft, Berlin 2020.

Beitragsbildhttps://www.pexels.com/de-de/foto/hande-palmen-ruhrend-armband-10636562/


 

Barbara Müller

Barbara Müller studiert Theologie und Biologie auf Lehramt an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

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