Frauen aus dem Schatten. Interview mit Eva Pollitt zur Ausstellung in Waldkirch (bis 15.11.2026)
Biblische Frauenfiguren sind nicht nur häufig unbekannt, ihre Geschichten werden mitunter auch explizit unterschlagen, wie Annette Jantzens jüngst erschienenes Buch "Die ignorierten Frauen der Bibel" zeigt. Bis zum 15.11.26 läuft eine interessante Ausstellung in Waldkirch, die einige dieser vielen Frauenfiguren aus dem Schatten der Bibelexegese und Praxis zu holen sucht. Die Theologin Eva Pollitt, die ihren Abschluss an der Freiburger Theologiefakultät gemacht hat, erzählt uns mehr dazu, wie die Ausstellung funktioniert und was wir als Fakultät davon lernen können.

Die Ausstellung porträtiert 7 der insgesamt 60 biblischen Frauenfiguren und stellt diese mit einem kurzen Steckbrief vor. Illustriert werden diese durch aufgemalte Schatten auf Stelen, für die Frauen aus dem Umfeld der Veranstalterinnen Modell gestanden haben. Die Ausstellung ist bis zum 15.11.2026 in der Stadtkapelle in Waldkirch zu sehen.
Welche Frauenfiguren haben Sie ausgewählt und nach welchem Schema?
Bei der Auswahl wollten wir uns nicht auf Frauen beschränken, die uns sympathisch erscheinen oder als Vorbilder dienen können. Vielmehr sollte die Auswahl die Bandbreite abbilden, die auch die Bibel selbst bietet. Schnell war uns klar, dass heldenhafte Frauen vertreten sein sollten: etwa die beiden Hebammen Schifra und Pua oder, in der brutalen und zugleich gender-non-konformen Variante, Jaël. Mit der Prophetin Mirjam und der Hausvorsteherin Lydia haben wir zudem zwei Frauen mit ausgeprägter Leitungsrolle aufgenommen. Da die Bibel in erschütterndem Ausmaß von sexualisierter Gewalt erzählt, greifen wir auch die Geschichte Tamars auf. Und anstelle Marias, die nach biblischem Befund keine Königin war, stellen wir Königin Ester vor. Unsere Auswahl ist allerdings keineswegs repräsentativ und kam eher aus dem Bauch heraus. Mir persönlich fehlt eine Frau, die als Mutter nochmal stärker in den Fokus rückt. Darüber hinaus ist es schwer eine Auswahl zu treffen, wenn der Pool aus dem wir auswählen, im Team gar nicht allen bekannt ist.
Wie genau kann man sich dieses Porträt der Frauen vorstellen?
Wir haben zu jeder Frau einen Steckbrief verfasst. Er ordnet ein, in welcher Zeit ihre Geschichte erzählt wird, wo sie gewirkt haben soll und was die Bibel darüber hinaus über sie berichtet. Schließlich hat sich jeweils eine Person aus dem Team persönlich mit der jeweiligen Figur auseinandergesetzt und dazu einen kreativen Text verfasst.
Haben Sie eine Lieblingsfigur der biblischen Frauen?
Die beiden Hebammen Schifra und Pua finde ich schon sehr beeindruckend. Aber eigentlich finde ich es vor allem stark zu merken, wie Frauen mit ihren Ecken und Kanten in der Bibel selbstverständlich als Teil der Heilsgeschichte und mit Gott in Kontakt erzählt werden.
In dem Interview mit der Badischen Zeitung sagen Sie, dass Sie selbst viele dieser Frauenfiguren trotz Ihres Theologiestudiums nicht kannten. Woran denken Sie, liegt das?
Die Etablierung der Königsherrschaft wurde im Studium eben mehr über Saul, David und Salomon erzählt, als über Abigail, Michal und Batseba. Der Exodus wird stärker mit der Figur des Mose verknüpft und nicht mit den Hebammen Schifra und Pua oder mit Mirjam. Zu Beginn des Studiums, wenn es darum geht Grundlagen für die Einordnung und für das Verständnis der biblischen Texte zu schaffen, finde ich das durchaus nachvollziehbar, weil ja auch im biblischen Erzählverlauf mehr Gewicht auf den Männern liegt. Trotzdem finde ich es schade, dass mir der Aufbau des Studiums gar nicht die Möglichkeit geboten hat, einen stärkeren Fokus auf biblische Frauenfiguren zu legen.
Wenn Sie auf Ihr Theologiestudium zurückblicken, was hätten Sie sich für die Kenntnis von mehr biblischen Frauenfiguren gewünscht?
Ich bin überzeugt, dass biblische Frauenfiguren, aber auch ihr Fehlen, in sehr vielen Fächern hätten thematisiert werden können. In der Liturgiewissenschaft etwa wäre die Frage naheliegend gewesen, wie die Leseordnung eigentlich zustande kommt: Welche Texte wurden aufgenommen, welche fehlen, und aus welchen Gründen? Die biblischen Fächer könnten Frauenfiguren gezielt in den Blick nehmen. Kirchengeschichtlich hätte man sich anschauen können, wie sich die Bedeutung der Frauen in ihrer Rezeption verschiebt.
Was kann unsere Fakultät von der Ausstellung lernen?
Die Ausstellung zeigt, dass an der kirchlichen Basis deutlich mehr Interesse an biblischen Frauen besteht, als man bei einem so speziellen Thema vermuten könnte. Sie macht Mut sich im Studium der Bibel zu stellen.
Bei der Vernissage und in den Gesprächen danach habe ich beobachtet, wie viele z.B. bei der Stelle von Jaël erstmal schlucken mussten, als sie von der martialischen Tötung Siseras gelesen haben. Hier fehlen bibelhermeneutische Grundlagen, um mit solchen Texten umzugehen. Die Frage, wie sich solche „schwierigen“ biblischen Texte lesen lassen, ist sicherlich auch wissenschaftlich relevant. Entscheidend scheint mir dabei die Frage, wie sich unterschiedliche hermeneutische Zugänge Gläubigen vermitteln lassen, die keine theologische Ausbildung haben. Über die Bibel wird in den Gemeinden am meisten in der Predigt gesprochen. Dort wird häufig versucht, schwierige Texte zu erklären oder gleichsam zu „retten“, damit das eigene Gottesbild nicht zu sehr ins Wanken kommt. Ich glaube, dass wir die Bibel vielmehr als Sammlung von Glaubenszeugnissen lesen dürfen, die nicht in allem mit unserem heutigen Glauben übereinstimmen müssen, ihn aber anfragen, hinterfragen und weiten.

Eva Pollitt
Eva Pollitt studierte Theologie in Freiburg und im Studienjahr in Jerusalem. Sie arbeitet als Pastoralreferentin in der Kirchengemeinde An der Elz. Sie liebt es zu schaukeln, am besten so hoch wie möglich.
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