Erasmus in Krakau – Wie ein Theologiestudium auch aussehen kann
Jakub Kuc studiert im siebten Semester Theologie im Magisterstudiengang und ist Priesteramtskandidat der Erzdiözese Freiburg. Im September 2025 ist er für seine Externitas für ein Jahr nach Krakau gezogen und führt hier sein Studium fort. Wir haben Jakub ein paar Fragen zu seiner Auslands-Erfahrung gestellt:

Fotos: Jakub Kuc
- Hallo Jakub. Warum wolltest Du eigentlich nach Krakau?
Neben Krakau hatte ich unter anderem auch Rom und Wien als mögliche Orte für meine Externitas, also das Auslandsjahr, welches Priesteramtskandidaten im dritten Studienjahr machen, in Betracht gezogen. Die Entscheidung fiel schließlich aus mehreren Gründen auf Krakau. Zum einen wollte ich den deutschsprachigen Raum verlassen, um zu erleben, wie Theologie in einem anderen kulturellen und akademischen Umfeld betrieben wird, auch wenn die Unterschiede innerhalb Europas zugegebenermaßen nicht allzu groß ausfallen. Zum anderen gilt Krakau als das kulturelle Herz Polens, was nicht zuletzt der Stadtgeschichte zu verdanken ist. Vom Wawelhügel aus regierten einst die polnischen Könige und mitten durch die Stadt verlief hier früher die Via Regia, eine der wichtigsten mittelalterlichen Handelsrouten. Krakau ist bis heute reich an Kulturangeboten. Es gibt außerdem zahlreiche Legenden und Geschichten rund um die Sehenswürdigkeiten der Stadt, darunter befindet sich auch die berühmte Sage vom Wawel-Drachen, der einst die Menschen in Angst und Schrecken versetzt haben soll.
Auch kirchengeschichtlich kommt Krakau eine hohe Bedeutung zu, denn das Erzbistum Krakau war das Heimatbistum von Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II. und von Schwester Faustina Kowalska, die für die Botschaft der göttlichen Barmherzigkeit bekannt ist. Daher hatte ich die Hoffnung, hier mehr über diese Persönlichkeiten, ihre Spiritualität, Theologie und Lebensgeschichten zu erfahren.
Schließlich sprachen auch meine polnischen Wurzeln für Krakau. Da ich bereits polnisch spreche, entfiel die sprachliche Hürde, was für mich von Vorteil war, zumal die theologischen Lehrveranstaltungen in der Landessprache abgehalten werden.
- Wie sieht ein typischer Unialltag bei dir aus?
Mein Unialltag in Krakau unterscheidet sich deutlich vom typischen Studierendenalltag in Freiburg. Das Unisystem ist hier stärker an schulische Strukturen angelehnt. Ich besuche querbeet Vorlesungen und Seminare aus allen Jahrgängen. Die Vorlesungen beginnen in der Regel mit einem kurzen Gebet. Da es keine Mensa gibt, bringt man sich mittags oft etwas mit oder geht gemeinsam in der Stadt essen – bei schönem Wetter gelegentlich auch im nahegelegenen Park. Zum Alltag gehören auch gemeinsame Gottesdienste. Krakau bietet dazu zu nahezu jeder Tageszeit Gelegenheit. Die Abende verbringe ich meist mit der Lektüre der Texte für die kommenden Tage sowie der Vorbereitung auf Vorträge und Prüfungen, die hier auch unter dem Semester stattfinden.
- Was sind Unterschiede und Schwerpunkte in der theologischen Lehre?
Im Vergleich zu Freiburg gibt es in Krakau kein modularisiertes System. Die Vorlesungsinhalte werden eher chronologisch und nicht nach Themenbereichen geordnet behandelt. Es gibt keine Modulprüfungen, sondern in jeder Vorlesung eine separate Prüfung. Der Aufbau folgt einem klassischen Schema: In den ersten zwei Jahren verstärkt Philosophie, ab dem dritten Jahr Theologie. Meinem Eindruck nach ist das Theologiestudium in Krakau stärker klassisch geprägt und fester in einer biblisch-systematischen Tradition verankert, während Freiburg im Vergleich insbesondere im Bereich der praktischen Theologie deutlichere Schwerpunkte setzt, die in Krakau meines Erachtens etwas zu kurz kommen.
- Welche „theologischen Spuren“ lassen sich in der Stadt außerhalb der Uni entdecken?
Wie bereits angedeutet, nimmt der hl. Johannes Paul II. in Krakau eine besondere Stellung ein. Es ist kaum möglich, durch die Stadt zu gehen, ohne seinem Namen zu begegnen. An zahlreichen Gebäuden und Kirchen erinnern Gedenktafeln an sein Wirken in Krakau. Einer der wichtigsten Wallfahrtsorte in Krakau ist das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Łagiewniki. Das berühmte „Jesus, ich vertraue auf Dich”-Bild der hl. Schwester Faustina zieht jährlich mehrere Millionen von Pilgernden an. Ihr Tagebuch sowie der Rosenkranz zur Göttlichen Barmherzigkeit sind nicht nur in Krakau, sondern in ganz Polen tief im religiösen Leben verankert.
Eng mit der Geschichte der Stadt ist auch die ausgeprägte Ordenskultur Krakaus verbunden. Die Dominikaner und Franziskaner sind bereits seit dem 13. Jahrhundert hier ansässig und prägen bis heute das Stadtbild. Ordensgemeinschaften spielen darüber hinaus eine bedeutende Rolle in der Bildungslandschaft – alleine im Stadtgebiet gibt es 34 Grund- und weiterführende Schulen, die von Augustinerinnen, Ursulinen, Piaristen und vielen weiteren Gemeinschaften getragen werden.
Besonders lebendig ist auch die Hochschulseelsorge. An den meisten Pfarreien gibt es eigene Angebote für junge Erwachsene und Studierende. Sie treffen sich meistens wöchentlich zu Katechesen und zum Lobpreis, aber auch zu geselligen Aktivitäten wie dem gemeinsamen Fußballschauen oder einem Ausflug in den Krakauer Zoo. Die Verbindung von Glauben und Gemeinschaft macht diese Gruppen für viele junge Menschen sehr attraktiv.
- Was sind sonst noch tolle Orte, an die Du gerne gehst?
Zu einem der wichtigsten kirchlichen Orte ist für mich die Marienbasilika geworden. Durch das Mitsingen in der Schola bin ich immer mehr in das Pfarreileben hineingewachsen.
Die Krakauer Altstadt ist von den Planty, einem rund vier Kilometer langen, ringförmigen Park, umgeben. Daneben gibt es viele weitere Grünanlagen sowie von Menschenhand gebaute Hügel wie den Kopiec Kraka, von dem aus man die ganze Stadt überblicken kann. Mitten durch die Stadt fließt die Weichsel. All das sind ruhige Orte, an denen ich gerne spazieren gehe.
- Was dir sonst noch auf dem Herzen brennt…
Eigentlich nur eines. Falls ihr noch nicht in Krakau wart, kann ich euch einen Besuch nur ans Herz legen. Polen hat man als Reiseziel oft nicht gleich auf dem Schirm, dabei lohnt es sich wirklich sehr.

Jakub Kuc
Jakub Kuc studiert Theologie auf kirchliches Examen an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.
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